HAUSFÜHRUNG #22, März 2026
Kunstbetrachtung
Serkan Sarier – Reformatting Archetype / Umformatierung des Archetyps, 2022
Ein überlängter Hals, ein schemenhaft modelliertes Gesicht, Augen, die zugleich leer und überdeutlich wirken. Serkan Sariers Werk Reformatting Archetype zeigt eine Figur, die vertraut und fremd zugleich erscheint. In einer warmen, beinahe glühenden Farbwelt aus Ocker, Gold und dunklen Schatten tritt ein Kopf hervor, dessen physiognomische Merkmale bewusst verschoben und überzeichnet sind.
Der Titel verweist auf die „Umformatierung“ eines Archetyps, eines Urbildes menschlicher Darstellung. Sarier dekonstruiert klassische Porträtvorstellungen und setzt sie neu zusammen. Proportionen geraten aus dem Gleichgewicht, die Augen wirken maskenhaft überformt, das Gesicht lässt sich nicht eindeutig als individuelles Porträt lesen.
Auffällig ist dabei die Spannung zwischen Realismus und Verfremdung. Einzelne Partien wie Ohr oder Nase erscheinen beinahe naturalistisch modelliert, während überdimensionierte Lippen und verschobene Proportionen diese Realitätsnähe wieder brechen. Die Verzerrungen erinnern zunächst an digitale Bildverformungen, wie man sie aus Filtern oder Bildbearbeitungsprogrammen kennt. Doch Sarier überträgt dieses Prinzip nicht einfach in die Malerei. Stattdessen scheint er das menschliche Antlitz nach eigenen Kriterien zu verändern.
Interessant ist auch die Wahrnehmung aus der Distanz: Aus der Nähe werden malerische Übergänge, Sprühspuren und Texturen sichtbar, während die Figur mit einigen Schritten Abstand überraschend geschlossen und realistischer wirkt. Besonders Ohr, Nase und Hals treten dann plastischer hervor und verleihen der Figur eine fast körperliche Präsenz.
Im unteren linken Bildbereich setzt Sarier ein kleines grafisches Element aus feinen, parallelen Linien und einem einzelnen Punkt. Diese präzisen, beinahe diagrammatischen Markierungen stehen im Kontrast zur weich modellierten Figur und erinnern an eine visuelle Codierung, als würde das Bild selbst analysiert oder vermessen werden.
Das Porträt erscheint so weniger als Darstellung einer konkreten Person als vielmehr als Figur im Zustand der Transformation. Es ist ein Bild darüber, wie Identität, Wahrnehmung und visuelle Codes immer wieder neu „formatiert“ werden.
Diese Fragen nach Identität, Zugehörigkeit und Transformation ziehen sich durch das gesamte Werk des Künstlers. Serkan Sarier, 1979 in Hanau als Sohn türkischer Gastarbeiter geboren und heute zwischen Berlin und New York tätig, beschäftigt sich in seinen Arbeiten häufig mit dem Gefühl des Andersseins und der Suche nach Zugehörigkeit. Seine Figuren erscheinen oft als hybride oder sich wandelnde Körper, Wesen, die zwischen menschlicher Gestalt, Erinnerung und Projektion oszillieren.
Auch Reformatting Archetype lässt sich vor diesem Hintergrund lesen als Bild eines Menschen, dessen Erscheinung nicht stabil ist, sondern sich im Prozess der Veränderung befindet. Zwischen malerischer Geste, grafischen Zeichen und surrealer Figuration entsteht ein Porträt, das weniger eine individuelle Person zeigt als vielmehr eine symbolische Figur unserer Gegenwart, ein Archetyp im Zustand der Neuformulierung.
Serkan Sarier, Umformatierung des Archetyps, 2022, Mixed Media auf Leinen. Ausstellungsansicht im Haus. Kunst. Mitte.

