HAUSFÜHRUNG #27, September 2026

Kunstbetrachtung

Bodies that Speak: Vorstellung - May Palar

In unserem 27. Newsletter blicken wir auf die Werke von May Palar in unserer aktuellen Ausstellung Bodies that Speak - Künstlerinnen in Berlin. 

Zuerst möchten wir sie gern auf die Ausstellung States of Uncertain Domesticities im Museo Carlo Bilotti in Rom aufmerksam machen. Eine internationale Wanderausstellung, die nach Berlin (Haus.Kunst.Mitte.) und Brünn (Dům umění města Brna) nun in Rom mit einer neuen Inszenierung zu sehen ist, die sich dem Thema „Zuhause“ und „Wohnen“ widmet und dieses aus feministischer, politischer und sozialer Perspektive beleuchtet. Wir freuen uns sehr, als Kooperationspartnerin und Ausgangspunkt dieser internationalen Ausstellungsreise Teil von States of Uncertain Domesticities zu sein.

Unter dem Stichwort Bodies that Speak of nature werden die Werke von May Palar und Franziska Klotz in einem gemeinsam Raum präsentiert. Der Raum behandelt inhaltlich den weiblichen Körper im Verhältnis zur Natur und lässt die Grenzen zwischen Körper und Landschaft durchlässig werden. 

Palar ist in Istanbul geboren und arbeitet zwischen New York und Berlin. Ihre künstlerische Arbeit verbindet unterschiedliche Medien und Ausdrucksformen wie Performance, Land Art oder Fotografie. Im Mittelpunkt steht die Auseinandersetzung mit der menschlichen Existenz und der Frage, welche Formen des Daseins jenseits gesellschaftlich und kulturell geprägter Wirklichkeiten denkbar sind.

Besonders eindrucksvoll finden wir die Arbeiten aus der Reihe Collective Solitude. Hier setzt Palar sich selbst in die Landschaft, immer kostümiert, ihr Gesicht ist nicht zu erkennen. Durch unterschiedliche Posen und geschickte Bildbearbeitung erzeugt sie das Gefühl, eine ganze Gruppe abzubilden, obwohl nur eine Person - Palar selbst - zu sehen ist. Darauf bezieht sich der Titel Collective Solitude direkt.

Kollektive Einsamkeit beschreibt das subjektive Gefühl der Entfremdung oder das schmerzhafte Gefühl, nicht zu einer größeren Gruppe oder Gesellschaft zu gehören. Parlars Fotografien scheinen zunächst Gruppen von Frauen zu zeigen. Dieser Eindruck verändert sich jedoch, sobald erkennbar wird, dass auf den Bildern immer wieder dieselbe Frau erscheint. Die vermeintliche Gemeinschaft löst sich auf – und die Frau wirkt plötzlich allein, obwohl sie von anderen umgeben ist.

In einer großformatigen Fotografie sehen wir Palar: Grün angemalt und mit roten Punkten auf dem Körper steht sie im Berliner Schlachtensee – vielfach reproduziert und humorvoll verwandelt in die Erscheinung eines exotischen Vogels. Every Spring They Return nimmt das Migrationsverhalten von Vögeln zum Ausgangspunkt und verweist auf dessen tiefgreifende Veränderungen durch den Klimawandel. Vertraute Zugzeiten und Routen verschieben sich, neue Bewegungsmuster entstehen – mit Folgen für das ökologische Gleichgewicht. Mit dem Schlachtensee wählt Parlar einen vertrauten Berliner Naturraum als Schauplatz und macht ihn zum Ausgangspunkt für eine größere Frage: Was passiert, wenn alte Wege nicht mehr funktionieren? Und welche neuen Möglichkeiten entstehen, wenn sich unsere Umwelt verändert? 

Und ganz nebenbei: Dieses Motiv begleitet unsere Ausstellung auch als Plakat – vielleicht ist es Ihnen schon im Berliner Stadtraum begegnet.

Fotos: Michael Lüder