HAUSFÜHRUNG #25, Juni 2026
Kunstbetrachtung
The Art of Two - Künstlerpaar Vorstellung
In unserem 25. Newsletter blicken wir auf das Bildhauer-Paar Sylvia Hagen und Werner Stötzer aus der aktuellen Ausstellung „The Art of Two - Between Autonomy and Collaboration” in der wir Werke von 18 Künstlerpaaren vorstellen.
Zwei Leben, zwei Bildsprachen
Es gibt Werke von Künstlerpaaren, die miteinander sprechen, selbst wenn sie schweigen.
Sylvia Hagen und Werner Stötzer lebten und arbeiteten über Jahrzehnte im Oderbruch. Zwischen Feldern, Wasserläufen und weitem Himmel entstanden Skulpturen, die vom Menschen erzählen: als Suchende, Gehende, Verwundbare. Von Aufbruch und Verharren, von Nähe und Einsamkeit und von den Spuren, die ein Leben hinterlässt.
Hagens Figuren scheinen aus der Erde selbst hervorgegangen zu sein. Rau, tastend und voller stiller Beharrlichkeit behaupten sie ihren Platz im Raum. Stötzers Körper verdichten sich zu Zeichen und Fragmenten einer Geschichte, die nie ganz zu Ende erzählt wird.
In der Ausstellung begegnen sich ihre Werke in einem stillen Dialog. Fast scheint es, als würden Stötzers „Wegzeichen“ (1992) und Hagens „Wanderer namenlos“ (1992) ein Gespräch fortsetzen, das vor mehr als dreißig Jahren begonnen hat.
Ein Wegzeichen verspricht Orientierung. Doch Stötzer gestaltet mit seinem Steinguss kein plakatives Zeichen, wie einen Pfeil und keine Markierung, sondern er stellt einen menschlichen Torso dar. Sein Torso wirkt konzentriert und standhaft, ein fester Bezugspunkt im Raum. Orientierung scheint hier nicht von außen zu kommen, sondern im Menschen selbst zu liegen, der eine Einheit aus Erinnerungen, Erfahrungen und Instinkten bildet. Das Wegzeichen verweist nicht auf einen Ort, sondern auf eine innere Haltung.
Hagens Bronzeskulptur „Wanderer namenlos“ erzählt dagegen von Bewegung und Offenheit. Die drei dargestellten Figuren erscheinen, als würden sie unterschiedliche Pfade einschlagen oder noch nach ihrer Richtung suchen. Sie verkörpern die Erfahrung des Unterwegsseins – die Suche nach Orientierung, die Offenheit für Veränderung und die Vielfalt möglicher Lebenswege.
Beide Skulpturen entstanden 1992, kurz nach dem Fall der Mauer. In einer Zeit, in der sich für viele Menschen in Ostdeutschland vertraute Orientierungspunkte auflösten und Lebenswege neu bestimmt werden mussten, erhalten die Werke eine zusätzliche gesellschaftliche Dimension.
So lassen sich die beiden Skulpturen als zwei Seiten derselben Frage lesen: Wie finden wir unseren Weg? Während Hagens Wandernde ihre Antworten im Außen zu suchen scheinen, verdeutlicht Stötzers Wegzeichen, dass wir Orientierung oft bereits in uns selbst tragen.
Die besondere Kraft dieser Gegenüberstellung liegt nicht in der Suche nach Gemeinsamkeiten, sondern in der Anerkennung von Unterschiedlichkeiten. Zwei künstlerische Stimmen, die einander zuhören. Zwei Sichtweisen auf die Welt. Zwei Wege, den Menschen zu betrachten.
Und dazwischen wir: eingeladen, den Spuren zu folgen.
Ausstellungsansicht: Sylvia Hagen und Werner Stötzer. Fotos: ©️Michael Lüder.
links: Werner Stötzer: Wegzeichen, 1992 Steinguss (Marmorbestandteile), 54 x 41 x 5 cm, Kunstsammlung der Berliner Volksbank K 602, © VG Bild-Kunst, Bonn 2026;
rechts: Sylvia Hagen: Wanderer namenlos, 1992, Bronze, 33 x 23 x 7,5 cm, Kunstsammlung der Berliner Volksbank K 487. Fotos: Michael Lüder

