HAUSFÜHRUNG #20, Januar 2026
Kunstbetrachtung
Seufzer in der Dunkelheit: "Ach” (2015) von Leiko Ikemura
Wir starten im neuen Jahr mit einer spannenden Hausführung: Wir tauchen ein in das geheimnisvolle Bild „Ach“ von Leiko Ikemura aus unserer Ausstellung faces of mind. Die Ausstellung erkundet den menschlichen Kopf als Spiegel, Bühne und Projektionsfläche und das Werk „Ach“ ist ein perfektes Beispiel für diese Idee.
Das Gemälde „Ach“ (2015) von Leiko Ikemura zeigt ein traumartiges, schwer fassbares Gesicht in einem dunklen, nahezu schwarzen Bildraum. Dominant ist ein großes, einzelnes Auge im oberen linken Bereich der Leinwand. Es blickt leicht seitlich aus dem Schatten heraus und wirkt wach, verletzlich und zugleich distanziert. Im Verhältnis zum Gesicht erscheint es übergroß, die Iris füllt beinahe das gesamte Auge aus. Dadurch verstärkt sich der melancholische Eindruck. Zugleich erinnert dieser Blick an das Auge eines Kindes, dessen große Proportionen und Pupillen instinktiv Nähe und Empathie hervorrufen. Die Gesichtszüge lösen sich in weichen, verschwommenen Übergängen auf; nichts ist klar umrissen, alles scheint im Halbdunkel zu schweben. Die Nase tritt dabei auffallend hervor und wirkt zugleich menschlich und tierhaft. Irgendwo zwischen Schweinenase und Hundeschnauze, was der Figur etwas Verletzliches verleiht.
Die gedämpfte Farbpalette aus Grau-, Schwarz- und Brauntönen wird von goldenen, fast leuchtenden Flächen durchzogen, die dem Bild eine geheimnisvolle, beinahe sakrale Atmosphäre verleihen. Das Licht wirkt diffus, als käme es aus dem Inneren der Figur.
Bildnachweise: Leiko Ikemura, "Ach", 2015, Courtesy of the artist. Installationsansichten der faces of mind-Ausstellung 2026. © Michael Lüder
Im unteren Bildbereich erscheinen mehrere kleine, rötlich-rosa Gesichter wie schwebende Fragmente. Sie erinnern an kindliche oder embryonale Formen: verletzlich, ungeschützt, zwischen Auftauchen und Verschwinden.
Insgesamt erzeugt das Werk eine melancholische, introspektive Stimmung. Es wirkt wie eine Visualisierung eines inneren Zustands. Vielleicht Schmerz, vielleicht Sehnsucht oder ein leises „Ach“ im Sinne eines Seufzers. Das Bild lädt weniger zum klaren Verstehen als zum Fühlen ein. Es entfaltet seine Wirkung durch Andeutung, Atmosphäre und emotionale Dichte.

